Arnulf Rainer (*1929) - Van Gogh als verkannter Hochstapler (1977), Van Gogh im schwarzen Schein (1977-79)

Schwarzer Stift, Öl und Ölkreise auf Fotografie; Ölkreide auf Fotografie, 58,7 x 47,6 cm; 60,7 x 48,1 cm, Sammlung Garnatz, Städtische Galerie Karlsruhe, Inv. SG 209; SG 207

Die Werke des österreichischen Malers Arnulf Rainer wirken mit einer so eindrücklichen Intensität, „wie sie nur aus einem obsessiv manischen Schaffensprozess hervorgehen [können].“1 Bereits früh beschäftigt sich Rainer mit der Kunst der geistig Kranken, genannt Art Brut und beginnt, einzelne Arbeiten zu sammeln. 1970 erklärt er, dass ihn diese Kunstrichtung aufgrund ihrer schizophrenen und psychopatischen Strukturen, die sich beispielsweise durch kindlich-naive Kritzeleien oder penibel ausgeführte Rasterungen und bunte Farben auszeichnet, fasziniere.

Rainer ist davon überzeugt, dass sich Tendenzen, die das Verhalten der psychisch Kranken beeinflussen, in jedem Menschen befinden. Er selbst versteht diese gesellschaftlich nonkonformen Verhaltensweisen in seinem Unterbewusstsein als Hilfsmittel für seine Kreativität. Dennoch grenzt Arnulf Rainer die Künstler des Art Brut auch von seiner Auffassung eines Künstlers deutlich ab, da ihnen „die notwendige Kontrollfunktion, die [dieser] haben muss“2 fehle.

Selbstkontrolle und deren Verlust sind in Bezug auf die beiden vorliegenden Van Gogh-Übermalungen wichtige Aspekte, die sich in der augenscheinlich totalen Zerstörung der ursprünglichen Van Gogh Gemälde manifestieren. Zwar wirken die Eingriffe von Rainer im ersten Moment durchaus unkontrolliert zwanghaft und wie in rasender Emotion entstanden. Doch zugleich ist dieses scheinbar Unkontrollierte komponiert und wohldurchdacht. Die bewusste Übermalung eines bereits existierenden und nicht von Rainer selbst geschaffenen Gemäldes offenbart dessen Auseinandersetzung mit dem kunsthistorischen Diskurs von Wert- und Geringschätzung großer Meister. Rainer identifiziert und vergleicht sich mit Van Gogh, doch zugleich zerstört er dessen Konterfei als Akt eines vermeintlichen Kontrollverlustes, der jedoch keiner ist. Der expressive Malgestus ist Arnulf Rainer ein Hilfsmittel aus der Art Brut. Die Verwendung dieser Technik in Bezug auf Van Gogh und dessen bekanntermaßen psychische Instabilität ist bewusst von Rainer gewählt.

Rainers Identifikation mit Vincent van Gogh (1853–1890) als leidender Künstler unterstreichen die Ambivalenz von Affekt, Dramatik, Expression und Kontrolle. Dieses Schema der zeichnerischen Überdeckungen, die mal intensiver und mal schwächer ausgeprägt sind, verleihen dem Werk von Arnulf Rainer ein Alleinstellungsmerkmal. Selbstzerstörung und Verbergen stehen dabei der intensiven Auseinandersetzung mit dem Übermalten gegenüber.

Reproduktionen der Gemälde von Van Gogh hat Rainer häufiger übermalt. Doch auch andere Gemälde aus dem kunsthistorischen Kanon werden von Rainer bearbeitet, ebenso wie eine ganze Reihe christlicher Kreuze. Dabei folgt der Künstler einem stets ähnlichen Prinzip der Überarbeitung, das sich in der Technik mit schnellen, kräftigen Strichen durch Bunt- oder Schwarzstifte wiederholt. Rainer variiert dabei jedoch sowohl das Motiv, welches er auswählt, als auch die Positionierung der Übermalung innerhalb eines einzelnen Gemäldes. Im Kontext unserer Ausstellung scheinen die beiden ausgewählten Bilder auf den ersten Blick fast identisch zu sein. Tritt man jedoch näher heran, ist die Varianz der beiden Van Goghs jedoch deutlich zu erkennen.

HS


  1. Catoir, Barbara: „Der Unvollender oder die Spuren des Sisyphos.“ In: Arnulf Rainer. Der Übermaler, Ausst.-Kat. Pinakothek der Moderne, München. München 2010, S. 28.
  2. Ebd. S. 28.

Verwendete Literatur:

Weiterführende Literatur:

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